Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Coaching. Viele Klientinnen und Klienten haben ihre Situation bereits mit einer KI analysiert, bevor sie ein persönliches Gespräch führen. Sie bringen überarbeitete Bewerbungsunterlagen, mögliche Handlungsoptionen oder erste Antworten auf ihre Führungs- und Karrierefragen mit.

Damit steigen die Anforderungen an professionelle Coaches.

Wer künstliche Intelligenz weder versteht noch ihre Ergebnisse einordnen kann, wird Menschen in einer zunehmend digital geprägten Arbeitswelt nur begrenzt begleiten können. KI-Kompetenz dürfte deshalb zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal werden. Sie unterscheidet professionelle Coaches von Anbietern, die lediglich bekannte Fragen stellen, einfache Modelle wiederholen oder ungeprüft auf digitale Werkzeuge zurückgreifen.

Darüber spricht Stefan Stenzel, Autor des Buches Die Zukunft des Coaching-Business, in der Folge 38 des Leadership 2.0 Podcasts von Dirk Verburg. Dirk ist neben anderen beruflichen Aktivitäten auch Experte bei Netzwerk Kadertraining. Die Folge trägt den Titel «Das Executive-Coaching-Business» – Stefan Stenzel.

Gute Fragen allein reichen nicht mehr

Eine zentrale Aussage von Stefan Stenzel lautet: «Wir müssen besser werden. Wir müssen einen Unterschied machen.»

Eine KI kann innerhalb weniger Sekunden Fragen formulieren und Perspektiven und erste Handlungsschritte vorschlagen. Professionelles Coaching muss deshalb mehr leisten.

Es muss erkennen, was hinter der vordergründigen Frage steht. Eine Führungskraft möchte vielleicht ihre Kommunikation verbessern. Im Gespräch zeigt sich jedoch, dass ihre Rolle unklar ist und sie widersprüchliche Erwartungen erfüllen soll. Eine stellensuchende Person möchte den Lebenslauf optimieren, hat aber noch nicht entschieden, welche Aufgabe wirklich zu ihr passt. Ein Unternehmer sucht eine sachliche Entscheidungshilfe, ringt aber gleichzeitig mit den Folgen für Mitarbeitende, Kunden und die eigene Glaubwürdigkeit.

Hier braucht es keine weitere Sammlung allgemeiner Empfehlungen. Es braucht ein Gegenüber, das Zusammenhänge erkennt, Widersprüche anspricht und die Person dabei unterstützt, eine Entscheidung zu treffen, die sie auch verantworten kann.

Erfahrung und Haltung bleiben entscheidend

Stefan Stenzel sagt im Gespräch: «Die Persönlichkeit des Coachs ist sein Werkzeug.»

Coaching besteht nicht nur aus Methoden. Coaches bringen Erfahrung, Wahrnehmung, Haltung und Urteilsvermögen in die Zusammenarbeit ein. Sie müssen wissen, wie sie wirken, wo ihre fachlichen Grenzen liegen und wann eine andere Perspektive hilfreich oder notwendig ist.

Nach mehr als 20 Jahren in der Begleitung von Führungskräften und Menschen in beruflichen Veränderungen erleben wir bei Kadertraining immer wieder, dass es Meist nicht an Wissen fehlt.

Viele Führungskräfte wissen, dass sie klarer kommunizieren, besser delegieren oder konsequenter entscheiden sollten. Stellensuchende kennen die wichtigsten Bewerbungstipps. Menschen in Veränderungsprozessen sehen häufig mehrere mögliche Wege.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Möglichkeit passt zu dieser Person, in dieser Situation, mit ihren Fähigkeiten, Werten und Verpflichtungen?

Diese Einordnung verlangt Aufmerksamkeit und Erfahrung. Manchmal muss eine schnelle Lösung hinterfragt werden. Manchmal gilt es, einen Widerspruch auszuhalten. Und manchmal braucht es eine Frage, die unbequem ist.

Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen professionellem Coaching und einem automatisierten Dialog.

Wie wir KI im Coaching einsetzen

Bei Kadertraining setzen wir künstliche Intelligenz bewusst ein. Sie soll das persönliche Gespräch nicht ersetzen, sondern dort unterstützen, wo sie einen konkreten Nutzen bietet.

KI kann umfangreiche Informationen ordnen, Rollenanforderungen analysieren, unterschiedliche Szenarien gegenüberstellen oder Gespräche vorbereiten. Sie kann helfen, Bewerbungsunterlagen zu prüfen und Erkenntnisse aus einem Coaching zwischen zwei Terminen weiterzubearbeiten.

Dadurch bleibt im persönlichen Gespräch mehr Raum für die Fragen, bei denen menschliche Erfahrung und Urteilskraft erforderlich sind.

Entscheidend ist jedoch, dass die Ergebnisse geprüft werden. Welche Annahmen liegen einer Antwort zugrunde? Welche Informationen fehlen? Passt der Vorschlag tatsächlich zu dieser Person? Welche Folgen hätte es, wenn eine Empfehlung ungeprüft übernommen würde?

Professionelle Coaches dürfen diese Verantwortung nicht an ein System delegieren.

KI-Kompetenz bedeutet deshalb mehr als die Bedienung eines Tools. Dazu gehören auch Datenschutz, Transparenz und die Fähigkeit, fachliche und ethische Grenzen zu erkennen. Klientinnen und Klienten müssen wissen, wann KI eingesetzt wird, welche Informationen verarbeitet werden und wo ein Mensch die Ergebnisse einordnet.

Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch fachlich sinnvoll.

Das Job Navigator Kit von Strategify

Diese Haltung prägt auch das Job Navigator Kit von Strategify.

Das Kit unterstützt Menschen dabei, ihre Stellensuche strukturiert zu bearbeiten. Es hilft, Stellenprofile zu analysieren, die eigene Positionierung zu schärfen, Bewerbungsunterlagen vorzubereiten und Gespräche zu trainieren. Wir haben es in verschiedenen Varianten in unseren Begleitprogrammen eingebettet.

Ein solches Werkzeug kann Übereinstimmungen zwischen Erfahrung und Anforderungen sichtbar machen, auf Lücken hinweisen und Argumente vorbereiten. Es kann aber nicht abschliessend entscheiden, ob eine Aufgabe zur Persönlichkeit, zur Lebensphase und zu den Werten eines Menschen passt. Diese Entscheidung bleibt persönlich. Technologie schafft Struktur. Professionelle Begleitung schafft Orientierung.

Coaching trägt Verantwortung

Ein weiterer wichtiger Gedanke des Podcasts betrifft die gesellschaftliche Verantwortung von Coaches.

Entscheidungen von Führungskräften wirken sich nicht nur auf die entscheidende Person aus. Sie betreffen Mitarbeitende, Familien, Kunden, Lieferanten und manchmal ganze Regionen. Coaching darf deshalb nicht nur dazu beitragen, Entscheidungen effizienter umzusetzen. Es sollte auch Raum schaffen, um deren Folgen zu bedenken.

Eine Frage aus dem Interview bringt das auf den Punkt:

«Wenn Sie diese Entscheidung in dreissig Jahren Ihren Kindern erklären müssten – wären Sie dann noch stolz darauf?»

Das ist keine moralische Belehrung. Es ist ein Perspektivwechsel. Die Führungskraft wird eingeladen, ihre Entscheidung nicht nur unter dem aktuellen wirtschaftlichen Druck, sondern auch mit zeitlichem Abstand und aus der Sicht der betroffenen Menschen zu betrachten.

Solche Fragen gehören für uns zu verantwortungsvoller Führungskräftebegleitung.

Professionelles Coaching wird anspruchsvoller

Künstliche Intelligenz macht Coaching nicht überflüssig. Sie zeigt vielmehr, wo Coaching bisher zu wenig unterscheidbar war.

Wer vor allem standardisierte Fragen stellt oder bekannte Modelle vermittelt, wird zunehmend mit digitalen Angeboten konkurrieren. Professionelles Coaching verbindet dagegen die Person mit ihrem beruflichen und organisationalen Kontext. Es berücksichtigt Beziehungen, Werte, Macht, Ambivalenzen und langfristige Folgen.

KI-Kompetenz wird deshalb zu einem festen Bestandteil professioneller Coachingkompetenz. Nicht als technisches Zusatzwissen, sondern als Voraussetzung dafür, Menschen in einer veränderten Arbeitswelt fundiert und glaubwürdig zu begleiten.

Nach über 20 Jahren Coaching- und Beratungserfahrung sind wir überzeugt:

Entscheidend ist nicht, ob KI im Coaching eingesetzt wird. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird, wer ihre Ergebnisse beurteilt und welche Haltung das Handeln bestimmt.

KI kann Coaching wirksamer machen. Professionell wird es durch Erfahrung, Transparenz und menschliche Verantwortung.

Den vollständigen Podcast gibt’s in Folge 38 des Leadership 2.0 Podcasts von Dirk Verburg:

«Das Executive-Coaching-Business» – Stefan Stenzel

zu weiteren Folgen des Leadership 2.0 Podcast von Dirk Verburg geht es hier:

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