Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben, an denen Menschen bisher berufliche Erfahrung gesammelt haben, entsteht eine neue Herausforderung für Führungskräfte: Wie entwickeln wir künftig die Kompetenzen, die unsere Unternehmen brauchen?
Der Schweizer Arbeitsmarkt liefert erste Hinweise auf diese Veränderung. Der http://jobs.ch KI Report 2026 zeigt anhand von 7,3 Millionen Stelleninseraten, dass der Anteil ausgeschriebener Einstiegspositionen in stark KI-exponierten Berufen um 32 Prozent zurückgegangen ist. Besonders betroffen sind Büro- und Wissensberufe.
Auch die im August 2026 aktualisierte Untersuchung der Stanford University zeigt eine auffällige Entwicklung. In den USA lag die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen rund 19 Prozent unter dem Niveau, das bei einer vergleichbaren Entwicklung mit weniger exponierten Berufen zu erwarten gewesen wäre. Bei erfahrenen Beschäftigten zeigte sich keine vergleichbare Lücke.
Die Ergebnisse beweisen nicht, dass KI allein für diese Entwicklung verantwortlich ist. Sie werfen jedoch eine Frage auf, die weit über den Berufseinstieg hinausgeht.
Wenn Routinearbeit wegfällt, verändert sich das Lernen
Berufliche Kompetenz entsteht nicht allein durch Ausbildung und Fachwissen. Menschen entwickeln Erfahrung, indem sie Aufgaben bearbeiten, Zusammenhänge verstehen, Fehler erkennen, Rückmeldungen erhalten und zunehmend Verantwortung übernehmen.
Viele dieser Lernschritte fanden bisher bei vergleichsweise einfachen Aufgaben statt: Recherchen durchführen, Berichte vorbereiten, Daten auswerten, Konzepte entwerfen oder Entscheidungen vorbereiten.
Heute kann KI einen wachsenden Teil dieser Arbeiten unterstützen oder übernehmen.
Für Unternehmen ist das zunächst ein Produktivitätsgewinn. Für die Entwicklung ihrer Mitarbeitenden entsteht jedoch eine neue Aufgabe.
Wer heute Einstiegsaufgaben automatisiert, muss gleichzeitig überlegen, wie die Fachkräfte von morgen die notwendige Erfahrung erwerben können.
Das betrifft nicht nur Berufseinsteiger. Auch erfahrene Fachpersonen, die neue Aufgaben oder Führungsverantwortung übernehmen, müssen Kompetenzen entwickeln, die sich nicht allein aus Wissen oder KI-generierten Ergebnissen ableiten lassen.
KI kann Lernen auch beschleunigen
Dabei wäre es zu einfach, KI ausschliesslich als Gefahr für die berufliche Entwicklung zu betrachten.
Eine Untersuchung von Brynjolfsson, Li und Raymond, veröffentlicht 2025 im Quarterly Journal of Economics, mit über 5’000 Beschäftigten im Kundendienst zeigte, dass KI-Unterstützung die Produktivität im Durchschnitt um 15 Prozent erhöhte. Besonders stark profitierten weniger erfahrene Mitarbeitende. Die Forschenden fanden zudem Hinweise darauf, dass KI-Unterstützung nachhaltiges Lernen ermöglichen kann.
Eine Feldstudie der Harvard Business School und Boston Consulting Group mit 758 Wissensarbeitenden zeigt allerdings auch Grenzen auf. Bei Aufgaben, für die KI gut geeignet war, verbesserten sich Geschwindigkeit und Qualität der Arbeit. Bei Aufgaben ausserhalb ihrer Leistungsfähigkeit konnte die KI-Unterstützung dagegen zu schlechteren Ergebnissen führen.
Beide Untersuchungen verdeutlichen, dass es darauf ankommt, wie KI eingesetzt wird und welche Fähigkeiten Mitarbeitende bereits mitbringen. Ihre Ergebnisse stammen aus bestimmten Tätigkeitsbereichen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Berufe übertragen.
Wer KI-Ergebnisse lediglich übernimmt, entwickelt nicht automatisch mehr Urteilsvermögen. Wer sich hingegen mit ihnen auseinandersetzt, sie hinterfragt und mit eigenen Erfahrungen verbindet, kann seine Fähigkeiten erweitern.
Führung muss Arbeit und Lernen neu verbinden
Für Geschäftsleitungen, Führungskräfte und Personalverantwortliche stellt sich deshalb eine Aufgabe, die über die Einführung neuer Technologien hinausgeht.
Wenn sich Arbeitsprozesse verändern, müssen auch Lern- und Entwicklungsprozesse neu gestaltet werden.
Das kann bedeuten, Mitarbeitende früher in anspruchsvollere Aufgaben einzubeziehen, ihnen gezielt Verantwortung zu übertragen und sie dabei stärker zu begleiten. Es bedeutet auch, Raum für Reflexion, Feedback und gemeinsames Lernen zu schaffen.
Dabei sollten Führungskräfte nicht nur fragen, welche Tätigkeiten sich automatisieren lassen. Sie sollten ebenso prüfen, welche Fähigkeiten ihre Mitarbeitenden künftig benötigen und wie diese im Arbeitsalltag entstehen können.
Gerade erfahrene Fach- und Führungskräfte übernehmen hier eine wichtige Rolle. Sie verfügen über Wissen und Erfahrung, die sich nicht ohne Weiteres in Regeln oder KI-Anwendungen übersetzen lassen. Diese Erfahrung weiterzugeben und gleichzeitig neue Lernformen zu ermöglichen, wird zunehmend Teil guter Führungsarbeit.
Der Schweizer Bericht von Sparkr zum Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt vom September 2026 unterstreicht diese Perspektive. Er zeigt, dass die Auswirkungen von KI wesentlich davon abhängen, wie Unternehmen die Technologie einsetzen und ihre Organisation weiterentwickeln. Entscheidend ist nicht allein die Einführung neuer Werkzeuge, sondern die bewusste Gestaltung von Arbeit, Zusammenarbeit und Kompetenzentwicklung.
Warum uns diese Entwicklung bei Kadertraining beschäftigt
Bei Netzwerk Kadertraining begleiten wir seit über 20 Jahren Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung. Wir unterstützen Fach- und Führungskräfte, Akademikerinnen und Akademiker bei beruflichen Veränderungen, beim Übernehmen neuer Verantwortung und bei der Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen. Gleichzeitig arbeiten wir mit Führungskräften und Organisationen daran, wie Führung, Zusammenarbeit und Lernen gelingen können.
Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven beschäftigt uns eine gemeinsame Frage: Wie können Menschen ihre Fähigkeiten auch dann weiterentwickeln, wenn sich Aufgaben, Anforderungen und bisherige Lernwege verändern?
Mit den KI-gestützten Instrumenten von Strategify erweitern wir unsere Coaching- und Beratungsarbeit. Dabei erschliessen wir neue Möglichkeiten, berufliche Kompetenzen und Perspektiven systematisch zu analysieren und Entscheidungen vorzubereiten.
Gleichzeitig wissen wir aus unserer langjährigen Praxis, dass berufliche Entwicklung mehr braucht als Informationen und gute Werkzeuge. Erfahrung, Reflexion, persönliche Begleitung und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, bleiben wesentlich.
Deshalb interessiert uns nicht nur, was KI künftig für uns erledigen kann. Uns beschäftigt vor allem, wie wir Arbeit und Führung so gestalten, dass Menschen ihre Fähigkeiten weiterentwickeln und wirksam einsetzen können.
Human in the Lead – Verantwortung für die Entwicklung von Menschen
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht darin, zwischen Mensch und KI zu entscheiden.
Es geht darum, Arbeit so zu gestalten, dass technologische Unterstützung und menschliche Kompetenzentwicklung einander ergänzen.
Für Führungskräfte bedeutet das, Verantwortung für beides zu übernehmen: für die Leistungsfähigkeit ihrer Organisation und für die Entwicklung der Menschen, die diese Leistung ermöglichen.
Auch für erfahrene Berufstätige, die neue Aufgaben oder Führungsverantwortung übernehmen, bleibt es wichtig, die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und KI sinnvoll zu nutzen, ohne das eigene Denken und Urteilen an sie abzugeben.
Denn wenn KI uns Arbeit abnimmt, sollte sie uns nicht gleichzeitig die Möglichkeit nehmen, an unserer Arbeit zu wachsen.
Human in the Lead bedeutet für uns deshalb auch, Technologien sinnvoll nutzen, menschliche Urteilskraft stärken und Bedingungen schaffen, unter denen Menschen lernen, Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln können.
Quellen und weiterführende Informationen
1. JobCloud (2026): Erster jobs.ch KI Report: KI verändert den Berufseinstieg und verunsichert junge Arbeitnehmende. 24. Juni 2026. Analyse von 7,3 Millionen Schweizer Stelleninseraten sowie Befragungen von Arbeitnehmenden und Unternehmen.
2. Brynjolfsson, E., Chandar, B. & Chen, R. (2025, überarbeitet 2026): Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence. Stanford Digital Economy Lab, aktualisierte Fassung vom 12. August 2026.
3. Brynjolfsson, E., Li, D. & Raymond, L. (2025): Generative AI at Work. The Quarterly Journal of Economics, 140(2), 889–942. Untersuchung zur Produktivität und zum Lernen bei KI-gestützter Arbeit.
Zur wissenschaftlichen Publikation
4. Dell’Acqua, F. et al. (2026): Navigating the Jagged Technological Frontier: Field Experimental Evidence of the Effects of Artificial Intelligence on Knowledge Worker Productivity and Quality. Organization Science, 37(2), 403–423. Feldexperiment mit 758 Wissensarbeitenden.
Zur wissenschaftlichen Publikation
5. Lundsgaard, C. / Sparkr (2026): KI und der Schweizer Arbeitsmarkt: eine gestaffelte, asymmetrische Disruption. 25. September 2026. Einordnung von vier Szenarien auf Grundlage von rund 50 Quellen.
Zum Bericht und zur vollständigen Studie
6. Meier, Peter Johannes (2026): Ein Drittel weniger Junior-Jobs – KI bringt Jugendliche unter Druck. Beobachter, 8. Oktober 2026. Aktueller journalistischer Beitrag zur Entwicklung des Berufseinstiegs in der Schweiz.
6. Meier, Peter Johannes (2026): Ein Drittel weniger Junior-Jobs – KI bringt Jugendliche unter Druck. Beobachter, 8. Oktober 2026. Aktueller journalistischer Beitrag zur Entwicklung des Berufseinstiegs in der Schweiz.