Mit der Lancierung der Denkfabrik einstAIn wird deutlich: Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt nicht nur technologisch, sondern strukturell. Für Fach- und Führungskräfte entsteht eine neue Schwelle – zwischen Expertise ohne KI und Expertise mit KI.

Ein ungewöhnlicher Schritt – und ein klares Signal

Ein Arbeitnehmerverband gründet einen KI-Think Tank. Noch vor wenigen Jahren wäre dieser Satz überraschend gewesen. Heute ist er ein deutliches Zeichen dafür, wie stark sich die Arbeitswelt bereits verändert.

Mit der Denkfabrik einstAIn, lanciert von Angestellte Schweiz und Kuble – House of Intelligence, entsteht eine Plattform, die Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Arbeitnehmende zusammenbringt, um die Folgen der KI-Transformation für den Arbeitsmarkt zu analysieren und zu gestalten.

Der erste Report formuliert eine klare These:

Künstliche Intelligenz ist kein Jobkiller, sondern ein Wohlstandsverstärker.

Diese Aussage verweist auf eine zentrale wirtschaftliche Frage: Wie gelingt es einem Hochlohnland wie der Schweiz, seine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, wenn gleichzeitig die Erwerbsbevölkerung schrumpft und der Bedarf an qualifizierter Arbeit hoch bleibt?

Der Wandel betrifft Aufgaben – nicht Berufe

Eine zentrale Erkenntnis aktueller Studien ist klar:
Künstliche Intelligenz ersetzt selten ganze Berufe. Sie verändert vor allem Aufgaben innerhalb von Berufen.

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich damit nicht in Richtung weniger Arbeit, sondern in Richtung anders strukturierter Arbeit.

Automatisierbar sind vor allem klar strukturierte, regelbasierte Tätigkeiten. Gleichzeitig gewinnen Aufgaben an Bedeutung, die Kontextverständnis, Urteilskraft und Verantwortung erfordern.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in der Wissensarbeit.
Recherche, Textproduktion oder Datenanalyse lassen sich zunehmend automatisieren. Entscheidend wird jedoch, wer Ergebnisse einordnen, bewerten und in tragfähige Entscheidungen überführen kann.

Viele ökonomische Analysen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Produktivität wird zum entscheidenden Faktor. Der Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, Patrick Chuard, formuliert es im einstAIn-Report so: Die Schweiz muss KI nutzen, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und damit langfristig Wohlstand und soziale Sicherungssysteme zu stabilisieren.

Damit wird KI zu einem Thema, das weit über Technologie hinausgeht. Sie berührt die Grundlagen wirtschaftlicher Stabilität.

Der Future of Jobs Report des World Economic Forum zeigt, dass rund 23 Prozent der heutigen Jobs bis 2027 verändert werden. In den meisten Fällen geschieht dies nicht durch das vollständige Verschwinden von Berufen, sondern durch eine Neuverteilung von Tätigkeiten.

Auch Analysen der OECD zeigen, dass KI vor allem stark strukturierte und regelbasierte Tätigkeiten automatisiert, während Aufgaben mit hoher Komplexität, sozialer Interaktion und Verantwortung an Bedeutung gewinnen.

Die Fachkompetenzschwelle – ein Begriff aus der Arbeitsmarktforschung

Um diese Entwicklung besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ein Konzept aus der Arbeitsmarktforschung.

Die österreichische Ökonomin Barbara Geyer prägte den Begriff der Fachkompetenzschwelle. Er beschreibt eine zentrale Beobachtung moderner Arbeitsmärkte. Technologischer Fortschritt automatisiert vor allem Tätigkeiten mit geringerer Qualifikation oder stark standardisierten Abläufen, während gleichzeitig der Bedarf an Menschen mit vertiefter fachlicher Kompetenz steigt.

Der Arbeitsmarkt strukturiert sich damit entlang einer Schwelle, das heisst zwischen Tätigkeiten, die relativ leicht automatisiert werden können, und solchen, die hohe fachliche Expertise und eigenständige Problemlösung erfordern.

Diese Beobachtung hat sich bereits in früheren Wellen der Digitalisierung gezeigt. Mit dem Aufkommen generativer KI verschiebt sich diese Schwelle jedoch erneut.

Die KI-Fachkompetenzschwelle

Heute reicht Fachkompetenz allein zunehmend nicht mehr aus. Entscheidend wird die Fähigkeit, fachliche Expertise mit den Möglichkeiten der KI zu verbinden.

Definition

Die KI-Fachkompetenzschwelle beschreibt die Grenze im Arbeitsmarkt zwischen Tätigkeiten, die durch KI teilweise ersetzt oder stark unterstützt werden können, und Tätigkeiten, bei denen menschliche Expertise durch den produktiven Einsatz von KI deutlich an Wert gewinnt.

Sie markiert damit den Übergang von Fachwissen allein zu einer neuen Form von Kompetenz, die sich in der Kombination aus Expertise, Urteilskraft und KI-gestützter Problemlösung zeigt.

Internationale Studien bestätigen diese Entwicklung. Der Stanford AI Index Report zeigt, dass Unternehmen zunehmend Mitarbeitende suchen, die KI nicht nur bedienen, sondern in ihre fachliche Arbeit integrieren können. Gleichzeitig kommt eine Analyse des McKinsey Global Institute zu dem Schluss, dass generative KI besonders stark Tätigkeiten in hochqualifizierten Wissensberufen verändert.

Damit verschiebt sich eine zentrale Frage des Arbeitsmarktes. Nicht mehr allein Fachwissen entscheidet über berufliche Chancen, sondern die Fähigkeit, Expertise, Urteilskraft und KI sinnvoll zu verbinden.

Eine paradoxe Situation in vielen Unternehmen

Interessanterweise zeigt sich derzeit eine widersprüchliche Entwicklung in Organisationen.

Während viele Mitarbeitende KI bereits pragmatisch in ihrer täglichen Arbeit einsetzen, fehlt es in zahlreichen Führungsetagen noch an klaren Strategien.

Der einstAIn-Report beschreibt diese Situation als eine gefährliche Schieflage. KI wird häufig als isoliertes Tool genutzt – als individuelles Experiment oder kurzfristige Effizienzlösung. Was dagegen oft fehlt, sind klare organisatorische Strategien, neue Rollenmodelle und systematisches Kompetenzmanagement.

Die Folge davon sind paradoxe Ergebnisse. Unternehmen nutzen zwar KI-Tools, schöpfen das eigentliche Produktivitätspotenzial jedoch nicht aus.

Was diese Entwicklung für Stellensuchende bedeutet

Besonders sichtbar wird diese Veränderung im Bewerbungsprozess.

Viele hochqualifizierte Stellensuchende erleben derzeit eine Situation, die auf den ersten Blick paradox wirkt. Noch nie war es so einfach, Bewerbungsunterlagen zu erstellen – und gleichzeitig fällt es vielen schwerer, eine passende Position zu finden.

KI kann heute bereits sehr gut Lebensläufe strukturieren, Bewerbungsschreiben formulieren oder Stellenanzeigen analysieren. Doch eine Fähigkeit bleibt entscheidend: die eigene Erfahrung strategisch zu erklären.

Gerade für Fach- und Führungskräfte gewinnt deshalb eine Kompetenz an Bedeutung, die lange als selbstverständlich galt: die Fähigkeit zur Reflexion und Positionierung der eigenen beruflichen Erfahrung.

In der Arbeit mit Fach- und Führungskräften bei Kadertraining zeigt sich dieser Punkt immer wieder. Viele hochqualifizierte Menschen verfügen über grosse Erfahrung, müssen jedoch lernen, diese Erfahrung im Kontext der KI-Transformation neu zu erklären und sichtbar zu machen.

Strukturierte Reflexionsprozesse und Tools – etwa im Job Navigator Kit von Strategify – setzen genau hier an: Sie unterstützen dabei, berufliche Erfahrung so zu analysieren, dass sie im veränderten Arbeitsmarkt klar erkennbar wird.

Der Wettbewerb der Zukunft

Die Frage, ob KI Menschen ersetzt, greift daher zu kurz. Der eigentliche Wettbewerb entwickelt sich anders.

Nicht Mensch gegen Maschine entscheidet über berufliche Chancen, sondern zunehmend Mensch mit KI gegen Mensch ohne KI.

Diese KI-Fachkompetenzschwelle beschreibt nicht den Wettbewerb zwischen Menschen – sondern den Punkt, an dem fachliche Expertise durch KI erweitert werden kann.

Die entscheidende Frage ist nicht, wer nutzt KI? Sondern es ist die Frage, wie das Zusammenspiel von Erfahrung, Expertise, Technologie und menschliche Kooperation im Arbeits- und Führungskontext gelingt.

Organisationen, die diese Kombination erfolgreich nutzen, werden produktiver arbeiten können. Und Menschen, die lernen, KI als Erweiterung ihrer eigenen Kompetenz einzusetzen, verbessern ihre beruflichen Möglichkeiten erheblich.

Ob KI tatsächlich zum Wohlstandsverstärker wird, entscheidet sich daher nicht im Code. Es entscheidet sich in den Entscheidungen von Unternehmen, Bildungssystemen und einzelnen Menschen.

Dieser Beitrag basiert auf aktuellen Studien zur KI-Transformation sowie auf unseren Erfahrungen aus der Arbeit mit Fach- und Führungskräften.

Die Begrifflichkeit der „KI-Fachkompetenzschwelle“ entsteht aus der Verbindung von Forschung und Praxis und die genannten Auswirkungen zeigen sich bereits heute konkret in Karriereverläufen, Bewerbungsprozessen und organisationalen Entwicklungen.

Quellen

einstAIn Think Tank (2026)
Report 2026 – Zukunft der Arbeit und KI in der Schweiz
https://einstain.ch/de/report2026

World Economic Forum (2023)
Future of Jobs Report

OECD (2023)
Artificial Intelligence and the Labour Market

Stanford University (2024)
AI Index Report

McKinsey Global Institute (2023)
The Economic Potential of Generative AI

Barbara Geyer
Forschung zur Fachkompetenzschwelle und Strukturwandel des Arbeitsmarktes

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