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Selbstorganisation als die Kunst, den gemeinsamen Rhythmus zu achten

Als agile Organisation sind wir mit dem Auftrag der eigenen Weiterentwicklung und dem stetigen Lernen «unterwegs». Dazu gehört es, über den Tellerrand zu schauen und Impulse aus dem Wissen anderer Domänen und Disziplinen aufzunehmen und in unseren Arbeitskontext zu transferieren.

Mit dem gesamten Team durften wir von Dr. Daniel von Rüdiger im Rahmen eines Workshops aus der Reihe «Impulse für die Arbeitswelt von Morgen» der Open-Mind-Academy Neues lernen. Wir haben erfahren, wie wir unseren Blick auf Rhythmus und Takt im agilen Miteinander richten und uns mit diesem Wissen weiter auf unser Ziel «Voneinander-Miteinander-Füreinander Lernen» ausrichten.

Eine Schlüsselfrage ist für uns immer wieder «Wie leben und erleben wir positiv einen gemeinsamen Rhythmus?». Diese Fragestellung gehört zu den Themen, die in vielen Organisationen im Kontext der Selbstorganisation immer wieder aufs Neue miteinander erarbeitet werden.

Führungskräfte sollten von Dirigentinnen und Dirigenten lernen können, wie der gemeinsame Rhythmus entsteht. Doch ohne professionelle, eigenverantwortliche Musikerinnen und Musiker werden auch sie scheitern. Es kommt auf alle an.

Um Spitzenleistung erbringen zu können, benötigen alle Beteiligten Aufmerksamkeit, Respekt und Vertrauen zu sich und zu allen anderen im Orchester, im Ensemble oder eben im Team.

Erst im gemeinsamen Rhythmus entwickeln sich die Potenziale und die Meisterleistung entsteht. Der gemeinsame Rhythmus ist ein Kernelement des agilen Arbeitens und lädt ein, die Regelmässigkeit der zeitlich passenden und inhaltlich aufbauenden Arbeiten und Leistungen zu erkennen und das stetige Überprüfen und Anpassen sicherzustellen.

So wie der Takt durch regelmässig wiederkehrende Betonungen zum Rhythmus wird, so bringt die Aneinanderreihung verschiedener Aktivitäten den Rhythmus der gelingenden Zusammenarbeit «zum Klingen» und macht es dem Team einfacher, in die agile Arbeit einzusteigen und auch dabeizubleiben.

Das Gefühl stellt sich ein, in der Tätigkeit miteinander im Fluss oder im Rhythmus zu sein. Das Erleben von Resonanz in den Tätigkeiten und das gemeinsame Erleben von Mustern und Kadenz wird als erfüllend wahrgenommen.

Die Kadenz ist das, was einem Team ein Gefühl des Wir, des Fortschreitens und des «im Fluss seins» vermittelt. Es ist ein Muster, das es dem Team ermöglicht, zu wissen, was zu tun ist und wann es zu tun ist. Dazu gehen Teams untereinander zuverlässige Verpflichtungen ein. Jedes Teammitglied erkennt in der Kadenz die Möglichkeit und Einladung, die eigenen Fähigkeiten oder Kapazitäten einzubringen.

Was wir erfahren und gelernt haben:

  1. Mit mehr Gelassenheit auf das richtige Timing warten
  2. Immer mehr Vertrauen in die «Selbstführung» erlangen
  3. Freude an der Herausforderung mit Unerwartetem entwickeln
  4. Den Perfektionismus verlassen und Selbstwirksamkeit spüren
  5. Auf den rhythmischen Flow setzen und das in der Arbeit positiv erleben
  6. Lernen, wie das Team von Synchronisationsprozessen beeinflusst wird
  7. Sich vom gemeinsamen Rhythmus leiten lassen und darüber sprechen

Daniel von Rüdiger setzte sich im Rahmen seiner Promotion an der Kunstuniversität Linz mit der Thematik «Rhythmus in Arbeit, Film und Musik» auseinander. Seine dokumentarischen Arbeiten wurden unter anderem im Martin-Gropius-Bau Berlin, im Museum Rietberg Zürich und in der Queensland Art Gallery Brisbane ausgestellt.

Für die Dauerausstellung des Museums der Kulturen in Basel produzierte er einen vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm über Rhythmus in der Arbeit von Selbstversorgern in Papua-Neuguinea. Er beschreibt darin, wie die Produktivität einer Dorfgemeinschaft davon abhängig scheint, wie gut sie miteinander «schwingt». Erst ein gemeinsamer Rhythmus ermöglicht Synchronisation und damit das Bündeln individueller Stärken. Ein rhythmisches Gemeinsam ist in ihrer körperlichen Arbeit unabdingbar und wird in Tanz und Musik verinnerlicht und weiterentwickelt.

Diese Erkenntnisse lassen sich auf unsere heutigen hoch komplexen Arbeitsorganisationen übertragen. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass eine Arbeitsaufteilung mit einem hohen Grad an individueller Professionalisierung der Schlüssel zur guten Zusammenarbeit wäre. Das gemeinsam erlebte Wir-Gefühl spielt eine viel grössere Rolle.

Genauso erleben es die Menschen in der Selbstorganisation. Das rhythmische Wir-Gefühl, das nach Freiheit zur individuellen Selbstverwirklichung verlangt, braucht auch die Akzeptanz einer vorgegebenen Struktur. Das agile Prinzip von Takt und Kontinuität gibt die Struktur der Organisation und der Arbeitsabläufe nach einem fest definierten Rhythmus. So entsteht Gleichmässigkeit und Kontinuität, der interne Koordinationsaufwand wird geringer und die Abläufe vereinfachen sich. Mit dem regelmässigen Takt entsteht Vorhersagbarkeit und damit Sicherheit für die Menschen im Team. Das wird als stärkend und unterstützend erlebt und lädt ein zu mehr Kooperation und Lernfreude.