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Die süssen Kirschen in Nachbars Garten? – Bitte keine unüberlegte Kündigung

Es gibt eine Menge guter Gründe, einen Stellenwechsel zu überlegen. Viele Menschen ziehen die Reissleine, bevor sich die ersten gesundheitlichen Beschwerden oder psychischen Erschöpfungszustände einschleichen. Schliesslich ist jeder seines Glückes Schmied. An der neuen Stelle soll dann alles besser werden. Die vorherrschenden Gründe für einen Stellenwechsel sind: der Wunsch nach höherem Gehalt, wertschätzender Führung, besserer Work-Life-Balance, unterstützendem Arbeitsklima, neuen Herausforderungen oder besseren Karriereperspektiven.
Kündigen ist einfacher geworden. Es ist kein Makel mehr, zwei oder drei Jobwechsel in Folge zu haben. Doch wer wechselt, weiss nicht, ob sich der anvisierte neue Arbeitgeber vielleicht viel besser verkauft, als er ist. Die Frage bleibt, ob die Kirschen in Nachbars Garten wirklich immer süsser sind.

Jobwechsel kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken
Klar ist es gut, sich zu interessieren, wie die eigene Karriere auch bei möglichen anderen Arbeitsstellen vorangehen kann. Doch die positiven Effekte, die ein Arbeitsplatzwechsel bringt, werden oft überschätzt. Forscher der Uni Mainz haben anhand einer mehrjährigen Erhebung im Jahr 2020 herausgefunden, dass Körper und Psyche leiden, wenn sich herausstellt, dass im neuen Job die Arbeitsbedingungen schlechter sind. Die Psychologen analysierten die Daten des «Sozio-ökonomischen Panels» und fragten, welche gesundheitlichen Folgen Jobwechsel haben, die nicht durch eine Kündigung erzwungen wurden. Wenn sich die Arbeitsbelastung verschlechtert hat und es dennoch positive Veränderungen in Bezug auf mehr Gehalt und bessere Aufstiegschancen gibt, wirken sich diese Vorteile jedoch nicht auf die psychische Gesundheit aus. Das Fazit der Forscher: Balance zwischen Gewinn und Verlust von Ressourcen zeigt sich als wichtiger Aspekt einer gesunden Laufbahngestaltung.

Bindung an Arbeitgeber sinkt und Wechselwilligkeit nimmt zu
Die Zahl derer, die innerlich gekündigt haben, steigt auch in der Schweiz ständig an. Die negativen Folgen der emotionalen Distanz zur eigenen Berufstätigkeit ebenso. Die Gesundheit leidet, der Stress nimmt zu und die Arbeitsmotivation und die Bindung an das Unternehmen sinken. Auch für die Schweiz zeigt sich der Arbeitsmarkt zunehmend dynamisch. Es herrscht Fachkräftemangel und es scheinen sich für viele Arbeitnehmende gute Chancen für einen Wechsel zu eröffnen. Wer jetzt für sich präzise Vorstellungen von sich und seinen Wünschen, Bedürfnissen und Talenten entwickelt, ist klar im Vorteil. Viele spüren jedoch eher eine latente und diffuse Unzufriedenheit, können sie aber nicht genau einordnen und finden, da hilft nur ein Stellenwechsel.
Doch Achtung: Man kann in seinem Leben vieles ändern und viele Wechsel vorantreiben. Wir wechseln den Wohnort, den Partner, unsere Meinungen, den Job, doch wir nehmen uns immer wieder selbst mit. Das heisst auf den Beruf bezogen, die Probleme und Fragen, die heute dafür sorgen, dass die Arbeitszufriedenheit sinkt, könnten an der anderen Stelle so und ähnlich wieder auftauchen. Nicht immer ist es das Umfeld, das den grössten Impact hat. Ein Stellenwechsel muss immer gut überlegt und vorbereitet sein. Affektkündigungen sind kontraproduktiv und bringen, wie jede schnelle und vielleicht unüberlegte Handlung, eher Probleme statt Lösungen. Eine Reflexion oder sogenannte Standortbestimmung kann das Ergebnis bringen, dass an der heutigen Stelle noch nicht alle Optionen ausgeschöpft wurden.

Klären, was an dem jetzigen Job noch möglich ist
In meiner Coachingpraxis habe ich schon sehr oft erlebt, dass nach der ersten Reaktion «Ich muss gehen» die Reflexion dazu beigetragen hat, dass die Menschen im Job blieben. Sie haben für sich entschieden, Schritte zu unternehmen, um den Erfolg, den sie wünschten, im jetzigen Job zu finden.
Besonders wichtig ist allen, die ich fragte, dass sie eigenständig und selbstbestimmt arbeiten wollen. Aus hoher eigener Motivation heraus lernen und arbeiten wir am besten. Die Erfahrung hat jede Person schon gemacht.

Um der eigenen Motivation auf die Spur zu kommen, sind diese Fragen zu stellen: Was treibt mich an? Welche Werte verfolge ich? Was macht mir Spass? Doch dabei bitte nicht stehen bleiben. Die wichtigen Fragen sind anschliessend:

  • Was kann ich mit meinem Tun bewegen?
  • Wie treffe ich Entscheidungen, die zu mir passen?
  • Welche Veränderungen habe ich schon bewirkt?
  • Wo und wem ist mein Tun von Nutzen?
  • Welche Kerntalente habe ich zur Verfügung?

Oft sind die wirklichen Talente nicht umfassend im Berufsumfeld eingesetzt, weil sie nicht bewusst sind. Viele können gar nicht erklären, warum sie etwas gut können und wie sie es machen, wenn sie es «gut machen». Kerntalente bleiben oft im Verborgenen. Im Gegensatz zu den Kernkompetenzen, die allgemein formuliert sind und in vielen Stellenbeschreibungen zu finden sind. Kerntalente sind die inneren Lösungsmuster für die erfolgreiche Umsetzung aller Aufgaben.

Kerntalente klären und Dinge bewegen
Das Wissen, was einen wirklich im Inneren bewegt, ist eine gute Ausgangslage, um an der jetzigen oder einer neuen Stelle erfolgreich wirken zu können. Es spielt für Menschen, die sich ihrer Kerntalente sicher sind, oft keine Rolle, welche Aufgaben sie haben und in welchem Job sie sind. Sie können immer auf ihre Kerntalente zurückgreifen. Entweder um in der Position erfolgreich zu sein oder sich auf die Suche nach einem Umfeld zu begeben, in dem sie wirken wollen.
Um diese Selbsterkenntnis der Kerntalente zu finden, können die vier Fragenkreise helfen:

  1. Was motiviert mich im Berufsumfeld, ganz gleich, wo ich bin?
    Ist es die Möglichkeit, ausserordentliche Leistungen zu bringen oder gestalten zu können, oder möchte ich Führungsverantwortung übernehmen? Bin ich eher ehrgeizig und risikobereit oder pflichtbewusst und sorgfältig?
  2. Wie verhalte ich mich im Arbeitskontext, wenn ich Zugriff auf alle meine Potenziale habe?
    Arbeite ich selbstverantwortlich, bin ich sehr gewissenhaft oder stark in der Umsetzung und gehe am liebsten neue Wege und suche Herausforderungen? Bringe ich Aufgeschlossenheit und Neugier in die Arbeit mit ein?
  3. Wie bin ich im Umgang mit anderen und wie setze ich meine Sozialkompetenz ein?
    Bin ich eher zurückhaltend, sensibel und rücksichtsvoll oder durchsetzungsstark und ermutigend oder bin ich eher kontaktfreudig und kooperativ?
  4. Wie zeige ich meine Persönlichkeit und wie beschreibe ich meine psychische Verfassung?
    Sehe ich mich eher als selbstbewusst und belastbar und kann ich mich in grosser Gelassenheit unabhängig vom Urteil anderer machen? Zeichnet mich eine hohe Konfliktfähigkeit aus oder steht meine Hilfsbereitschaft im Vordergrund?

Vor dem Stellenwechsel also die Fragen stellen: Habe ich in meiner jetzigen Position alles unternommen, um meine Kerntalente gut und zielführend für mich und andere einzusetzen? Sind die Arbeitsbedingungen so, dass ich meine Talente optimal zur Entfaltung bringen könnte, und ich habe es nicht genutzt? Erst wenn die Möglichkeiten an der aktuellen Position ausgeschöpft sind, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich umzuschauen. Talente vergeuden ist nicht sinnvoll. Besser ist es, die Talente einzusetzen, zu trainieren und weiterzuentwickeln und damit das eigene Potenzial zu nutzen. Das könnte der «rote Faden» im Leben sein, an dem entlang man im Berufsumfeld immer wieder etwas bewegen kann und damit auch zufriedener arbeiten und wirken kann.

Autor: Ulrike Clasen